Dann stelle ich mich mal vor

Ich glaube ich muss mich mal kurz vorstellen. Mein Name ist Melanie Tietgen, ich bin 42 und kandidiere für die FDP für den Bezirkstag.
 
Aber darüber hinaus bin ich auch noch vor allem eines: Eine ganz normale Privatperson wie jede andere auch, mit Problemen wie andere sie auch haben.
 
Als Kandidatin kann ich als Argument, warum man mich in den Bezirkstag wählen sollte, immer anbringen, dass ich – was Pflege betrifft – damit schon in Berührung gekommen bin. Ich pflege zwar selbst niemanden, aber ich bin Betreuerin meines Onkels, der seit fast 40 Jahren im Pflegeheim für Menschen mit Behinderung lebt. Mein Vater wird dieses Jahr 73, benötigt aber auch dauernde Pflege, und lebt daher im Seniorenheim, wie es heute so schön heißt. Und mein Opa ist letzte Woche 90 geworden, ist aber noch körperlich und geistig fit. Das einzige was er nicht mehr kann, ist alleine einkaufen, Rad fahren und eher kleinere Dinge. Er legt sehr viel Wert auf Unabhängigkeit.
 
Meine Mutter ist vor 5 Jahren jung gestorben (mit 54) und daher konnte sie nicht mehr die Nachfolge meines Opas als Betreuerin antreten. Das haben wir den zuständigen Behörden damals auch gemeldet, mein Opa und ich, und als wir mich als Nachfolgebetreuerin eintragen wollten, merkte die Dame von der Behörde richtigerweise an, dass es vielleicht gut wäre, wenn ich gleich die Betreuung meines Onkels übernähme.
 
Mein Onkel ist Gott sei Dank glücklich in seinem Zuhause, seit kurzem auch in Rente, und sozusagen „aufgeräumt“. Mein Vater dagegen baut immer mehr ab und manchmal frage ich mich, was er noch mitbekommt, und was nicht. Für meinen Vater übernehme ich den sämtlichen Papierkram, kümmere mich, wenn er etwas braucht und verwalte seine Finanzen. Ich bin quasi Betreuerin ohne offiziellen Auftrag, immerhin haben wir uns vor einiger Zeit jedoch eine Vorsorgevollmacht von ihm erteilen lassen.
 
Aus Erfahrung weiß ich, dass es ansonsten schwer wird, irgendwas zu entscheiden, sollte mal „Not am Mann sein“. Als meine Mutter damals im Krankenhaus war und wir überlegten, was das Beste für sie sei, damit sie schnell wieder gesund würde, stießen wir sehr schnell an unsere Grenzen. Man muss schon fast sagen glücklicherweise, musste sie damals dann in die Kurzzeitpflege, sonst hätten wir keine Chance gehabt. Jemand, der voll geschäftsfähig ist, jedoch keine Einsicht zeigt, und der niemanden mit einer Vorsorgevollmacht betreut hat, ist ein sehr schwieriger Patient. Dazu kommt, die Sturheit meiner Mutter war auch nicht ganz unschuldig daran, dass sie auf die Intensivstation kam. Denn eigentlich hätte sie für Nachts eine Sauerstoffmaske benötigt, diese lehnte sie jedoch kategorisch ab, da diese zu laut sei. Nach einigen Jahren hatte sie dann blaue Lippen, ein Zeichen dafür, dass sich das CO2 in einer giftigen und bereits lebensgefährlichen Konzentration im Blut angereichert hatte. Also baten wir sie, zum Arzt zu gehen – auch das verweigerte sie. Ins Krankenhaus kam sie dann aber doch noch –  wegen Verdacht auf einen Harnwegsinfekt.
 
Bei meinem Vater hingegen lag der Fall etwas anders. Vor dem Tod meiner Mutter hatte er bereits einige Schlaganfälle gehabt (die „stillen“, von denen man erst hinterher erfährt), und familiär vorbelastet ist er leider auch. Nach dem Tod meiner Mutter ließ er sich immer mehr gehen (und es war vorher schon nicht wirklich ideal) und achtete noch weniger auf sich.
 
Mein Bruder holte ihn zu sich in die Nähe in eine Wohnung, um im Fall eines Falles schneller eingreifen zu können. Wir engagierten eine Haushaltshilfe, es war ein Büro der AWO zur Unterstützung im Haus (fast wie betreutes Wohnen – nur ohne Betreuung über Nacht) und es kam sogar morgens und Abends ein Pflegedienst vorbei, um meinen Vater bei der täglichen Hygiene zu unterstützen (da er irgendwann nicht mehr von alleine duschen oder sich waschen ging). Eine Zeitlang ging alles gut, nur es kam der Tag, an dem er vergas, seine Blutdruckmedikamente zu nehmen. Dies verursachte Gehirnblutungen und mein Bruder und ich beschlossen, dass mein Vater unter diesen Umständen nicht mehr alleine zuhause bleiben konnte. Mein Bruder und seine Frau sind selbständig, und ich konnte es mir aus finanziellen Gründen nicht leisten, einfach zu arbeiten aufzuhören, um meinen Vater pflegen zu können. Also blieb nur die Seniorenresidenz.
 
Wie bereits erwähnt ist mein Bruder selbständig, meine Mutter verstorben, der Bruder meiner Mutter ist im Pflegeheim, der Vater meiner Mutter 90 und der einzige Bruder meines Vaters bereits vor Jahren verstorben, ebenso wie meine Oma, die Mutter meiner Mutter.
 
An Verwandtschaft gibt es noch die über 80jährige Schwester meines Opas und zwei Nichten meines Opas – die Töchter seiner verstorbenen Schwester. Sie sind Ende / Anfang 70 und deren Kinder haben mein Opa und ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Mehr Familie gibt es nicht, sieht man von meiner Schwiegerfamilie ab.
 
Mein Mann hat 5 Geschwister, und seine Eltern sind glücklicherweise noch nicht pflegebedürftig, und sein Großvater, der es ist, weit weg im hohen Norden Deutschlands. Seine Großmutter ist noch rüstig.
 
Letzten Endes muss man schon sagen: Wer in meiner Familie sollte sich um meinen Vater, Onkel und Großvater kümmern, wenn nicht ich?
 
Auch wenn ich mit der Pflege / Betreuung in unterschiedlichem Ausmaß betraut bin, so bedeutet dies doch auch Verantwortung, und setzt ein „Sich Kümmern“ voraus.
 
Als Wahlkampfargument ist das natürlich super – erzählt man das, finden die Leute im Umfeld es auch immer toll und bewundernswert, dass man sich kümmert. Und dass man die Verantwortung nicht einfach abschiebt.
 
Betrifft es aber die Freizeitplanung, das auch das Umfeld betrifft, steht das auf einem anderen Blatt…  Die wenigsten haben ein Bewusstsein für die Umstände oder Probleme, die sich aus dieser Situation ergeben.  Diese Geschichte soll jedoch ein andermal erzählt werden.

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